Wunde Brustwarzen: Fachärztliche Informationen

 

Mit wunden Brustwarzen plagen sich die meisten Mütter innerhalb der Stillzeit. Mal länger mal kürzer. Wie kann das Problem gelöst werden, um möglichst bald wieder stillen zu können?

Prof. Dr. med. Michael Abou-Dakn, Chefarzt, Gynäkologe & Stillberater gibt wichtige Informationen:

 

Hier das Interview für Sie in Textform:

Interview „wunde Brustwarzen“ mit Prof. Abou-Dakn

 

Multi-Mam: Ich würde mich gerne mit Ihnen über wunde Brustwarzen unterhalten. Viele stillende Mütter haben damit ja Probleme. Wie genau kommt es zu wunden Brustwarzen?

 

Prof. Abou-Dakn: Es ist nicht in jedem Fall, aber in aller Regel ist es so, dass die Frauen deshalb wunde Brustwarzen bekommen, weil irgendwann in der frühen Stillbeziehung zwischen Mutter und Kind, meistens ist das dann das Problem, falsch angelegt wurde.

Das Kind hat ja einen Saugschluss um den Hof herum, eben nicht an der Brustwarze, das ist immer ganz wichtig, dass man das differenziert, weil der Hof der Brust ja eigentlich das ist, wo das Kind mit dem Mund, mit den Lippen idealerweise anliegt.

Wenn das Kind aber abrutscht dabei und sich an der Brustwarze festsaugt, dann sind solche Drücke auf der Brustwarze, dass es zum Einreißen und eben entsprechend zu den wunden Brustwarzen kommen kann. Das ist meistens der Grund. Wir können sogar als Fachleute relativ genau sagen, wie das Kind falsch anlag.

Also wir können erkennen, in welcher Richtung das Kind gehalten wurde, weil die Einrisse auf der Brustwarze dann entsprechend aussehen. Also meistens letztendlich ein Fehler, wo man noch nicht genau weiß, wie das Kind angelegt werden muss. Das Kind weiß es noch nicht genau, wie es idealerweise die Brustwarze in den Mund nimmt und dann passiert das.

 

Multi-Mam: Habe ich das jetzt richtig verstanden? Das passiert also nicht von ungefähr, sondern man macht dann tatsächlich einen Fehler?

 

Prof. Abou-Dakn: Im Prinzip ja, wobei dieses „Fehler machen“ bedeutet ja man ist selbst schuld. Das finde ich ist immer eine schwierige Diktion. Im Prinzip ist es so: Wenn man ideal die Gelassenheit hätte, das Kind gleich am Anfang wüsste wie es richtig geht dann dürfte das eigentlich kaum passieren.

 

Wir sehen es relativ häufig, was letztendlich heißt, dass die Kinder eben relativ häufig doch nicht ganz so günstig an der Brustwarze anliegen. Es scheint auch einen gewissen Frauentypus zu geben, wobei das in der Medizin immer so eine Sache ist, wenn man sagt, die ist so und die ist so, die Schwierigkeiten haben die Brustwarze richtig zu erigieren.

 

Mache Frauen haben damit Schwierigkeiten und können die nicht richtig aufrichten. Die bekommen auch Schwierigkeiten mit der Brustwarze, typischerweise nicht mehr auf der Brustwarze, sondern am Rand, am unteren Rand. Also wenn es da so eingerissen ist, dann kann das ein Grund sein, dass tatsächlich ein gewisses Problem mit der Aufrichtung der Brustwarze besteht.

 

Multi-Mam: Darf ich weiterstillen, wenn die Brustwarze schon wund ist?

 

Prof. Abou-Dakn: Ideal wäre es weiterzustillen. Es tut natürlich weh, es bereitet Schmerzen. Als Eintrittspforte für Bakterien würde ich dort kein Problem sehen beim Stillen. Aber wenn man behandelt und unsauber ist mit den Händen, vor allem wenn andere anfassen, also nicht die Frau selbst, dann können durchaus Keime eindringen und auch zu einer Mastitis, also einer Brustdrüsenentzündung, führen. Aber das Stillen selbst ist eigentlich nicht das Problem. Das Problem ist halt oftmals, dass die Frauen Angst haben dann zu stillen und einige Frauen wegen der Schmerzen dann auch die Stillbeziehung beenden.

 

Multi-Mam: Wie ist es dann mit Milchpumpen, wenn die Brustwarze entzündet ist? Darf man sie verwenden? Soll man sie vielleicht sogar verwenden?

 

Prof. Abou-Dakn: Das ist eine sehr schwierige Frage. Klar, wenn die Milchpumpe so gewählt ist, dass der Aufsatz in einer guten Form ist, dass es für die Frau vielleicht etwas leichter ist, besser kontrollierbar ist als der kindliche Mund.

 

Meistens reicht es auch aus, wenn man den Frauen beibringt, auf was sie achten müssen. Dass sie eben kucken, dass das Kind den Mund weit aufmacht. Dass der Mundschluss an der Brust günstig ist. Das reicht oftmals aus, dass es eben nicht zu einer entsprechenden weiteren Verschlechterung kommt.

 

Manchmal ist es auch nur eine Sache von ein paar Tagen. In den ersten Tagen kann es manchmal sein, dass die Brüste überfüllt sind, aber noch nicht richtig die Milch fließt. Dabei ist es oftmals so, dass da tatsächlich ein Ödem, eine Flüssigkeitseinlagerung, in der Haut besteht.

 

Die Brüste sind dann wie Ballons aufgepustet und die Kinder können natürlich auch nicht gut anliegen, die rutschen dann erst recht ab, die kommen gar nicht ran. Und die Mütter kriegen auch manchmal wunde Brustwaren.

 

Auch das kann ein Grund sein, dass man darauf achtet, dass man das eventuell etwas ausdrückt, diesen Bereich vorsichtig ausstreicht, um da die Brustwarze zu befreien und das kann manchmal hilfreich sein. Aber auf jeden Fall ist Stillen hilfreich und gut und sehr wünschenswert.

 

Multi-Mam: Wenn ich eine entzündete Brustwarze habe, was kann ich denn dann konkret tun?

 

Prof. Abou-Dakn: Da gibt es sehr, sehr viele Empfehlungen und die allermeisten Empfehlungen sind leider nicht gut wissenschaftlich überprüft, weil das eben so schwierig ist, in diesem Bereich wissenschaftliche Studien zu machen. Wir selbst haben mal eine Untersuchung gemacht und haben Lanolin, also einen Wollfettstoff, untersucht im Vergleich zu ausgedrückter Muttermilch, das ist auch so eine Empfehlung, die häufig gemacht wird.

 

Und wir haben festgestellt, dass in dem Fall diese Creme etwas besser geholfen hat, was Schmerzen und was Wundheilung angeht. Die Muttermilchauflagerung scheint einen Effekt zu haben, was die Prophylaxe mit angeht. In der Heilungssituation scheint es zumindest in der einen Untersuchung länger zu dauern, aber nach 14 Tagen hat sich letztendlich auch der gleiche Effekt gezeigt.

 

Also es gibt da verschiedene Empfehlungen. Es gibt die Empfehlung in dem Bereich die Brustwarze letztendlich auch sauber zu halten. Das ist sicherlich auch vernünftig, wenn Einrisse da sind. Dass man eben sauber mit den Händen umgeht, dass eben keine Entzündungen auftreten.

 

Es gibt Empfehlungen, dass man andere Substanzen auflegt, Salben auflegt, Tücher auflegt, die eben letztendlich die Wundheilung immer unterstützen. Da gibt es sehr, sehr viele pflanzliche Inhaltsstoffe, die auch gegeben werden können.

 

Meiner Meinung nach ist es immer gut, wenn die Frauen etwas bekommen, was primär den Schmerz rausnimmt. Etwas was eben wundlindernd ist, die Schmerzen rauszieht. Das ist immer sehr günstig und das würde ich letztendlich auch empfehlen.

Die Wundheilung scheint heute eher so zu sein, dass man empfiehlt, dass das in einem feuchten Bereich passiert, idealerweise sollte die Wunde nicht austrocknen. Früher hat man z. B. gedacht, dass man föhnen sollte.

 

Das ist ganz schlecht, weil die Trocknung der Wunde eher zu weiteren Einrissen und Verkrustungen führen kann. Ich glaube das kann man sich dann auch als nicht Schwangere und sogar als Mann vorstellen, wenn man im Winter mal sehr trockene Lippen hat. Dann würde man da auch nicht mit dem Föhn drauf gehen, sondern man würde Salben darauf tun, die eben fettreich sind, die eben schützen und in irgendeiner Form dazu beitragen, dass die Flüssigkeit im Gewebe gehalten wird. Das ist sozusagen die moderne Art der Wundheilung, die man empfiehlt.

 

Multi-Mam: Um jetzt alle stillenden Mütter zu beruhigen, die wunde Brustwarzen haben: Das Stillen ist also auf jeden Fall gut, und wenn die Brustwarzen mal entzündet sind, dann ist das auch nicht gefährlich, man kann etwas dagegen tun.

 

Prof. Abou-Dakn: Also, wenn ich jetzt eine generelle Empfehlung aussprechen wollte, dann müsste ich sagen, ich würde mich freuen, wenn unsere Stillkultur wieder so werden würde, dass wir weniger Probleme am Anfang sehen. Das ist letztendlich auch ein Ausdruck, dass da eine gewisse Hektik mit drin ist, eine gewisse Unerfahrenheit, eine gewisse schlechte Unterstützungssituation.

 

Ich würde mir wünschen, dass alle Frauen in so einer Umgebung gebären können, in denen ihnen gut geholfen wird, in der ersten Phase auch nach der Geburt, auch im Wochenbett, dass sie gute Unterstützung bekommen, von Leuten, die sich gut auskennen.

Nicht die aktive Unterstützung, also Kind anlegen und irgendwie an die Brust pressen finde ich gut, sondern wenn Mütter in die Lage versetzt werden, die Bedürfnisse ihrer Kinder zu erkennen und denen Unterstützung gegeben wird in den ersten Tagen.

 

Im Sinne von wie mache ich es denn nun richtig. Das wäre meine große Hoffnung. Und dann die Information „Ja“ am Anfang kann es Schwierigkeiten geben mit dem Stillen. „Ja“ viele Frauen haben am Anfang auch Schmerzen beim Stillen.

 

Ich würde das nicht als normal bezeichnen, aber das kann durchaus ein Ausdruck dafür sein, dass eben die Stillbeziehung noch unerfahren ist. Und die Hoffnung, dass sich das dann verbessert und es wäre schade, wenn man aus diesen Gründen frühzeitig aufgeben würde, dass man sich dann eben erstmal einen Rat holt bei Hebammen, Stillberatern, bei Ärztinnen, Ärzten eben sich Unterstützung besorgt und mit dieser Unterstützung hoffentlich möglichst lange weiterstillt.

 

Multi-Mam: Vielen Dank für das Gespräch.